Grand Theft Auto IV – Sim Amok

I did it! Ich habe mir eine Playstation3 in der Videothek um die Ecke ausgeliehen. Natürlich nur um dem Phänomen Grand Theft Auto IV auf den Grund zu gehen.

Um es vorweg zu nehmen: GTA 4 ist ein faszinierendes und doch sehr zwiespältiges Spiel. Das ist kein Spielspass mehr, sondern eher die Simulation einer künstlich geschaffenen Parallelwelt in der anarchistische Testosteron-Phantasien umgesetzt werden können. In der Intimsphäre des eigenen Wohnzimmers darf jeder auf sämtliche gesellschaftlichen Normen scheißen. Im Spiel geht es um die individuelle Freiheit, alles zu tun, was man tun will. Es geht nicht um die Anderen. Es geht um Egozentrik. Die Spielfigur steht sogar wortwörtlich meist im Mittelpunkt des Bildschirms. Man tut was man will.

Grand Theft Auto 4

Bei meinen ersten ungelenken Fahrmanövern mit gestohlenen Autos überrolle ich versehentlich ein paar Passanten. Die Darstellung der physischen Verhältnisse eines solchen Aufpralls ist dabei so realistisch, dass ich gleich mal mit Vollgas über die Gehwege und durch Parkanlagen fahre. Unschuldige Passanten stets im Visier. Der virtuelle Amoklauf. Klar, man zieht mit so einem destruktiven Verhalten die Aufmerksamkeit der spiel-internen Polizei auf sich. Ich werde schließlich verhaftet. Aber egal, denn sofort wache ich ja wieder ohne Geld und Waffen vor der Polizeistation auf. In einem Internetforum empfiehlt ein Spieler sich immer konsequent von der Polizei erschießen zu lassen: Denn dann wacht man vor dem Krankenhaus auf und verliert seine Waffen nicht. Wie man an Raketenwerfer, Schrotflinte oder Baseballschläger kommt, steht im gleichen Internetforum. Man ruft von seinem Handy im Spiel einfach eine bestimmte Telefonnummer an und schon hat man die „einfache“ oder „erweiterte“ Waffensammlung. Also schieße ich nachts im Park von Liberty City mit meinem Scharfschützengewehr eine Laterne nach der anderen aus. Man sollte das aber nicht zu nah an der Straße machen, sonst hat man gleich wieder einen Streifenwagen an der Ferse. Im großen Park-Springbrunnen komme ich dann auf die Idee mit einer anderen geheimen Telefonnummer (Cheat) ein völlig überdimensioniertes Jetboot erscheinen zu lassen und damit den Tümpel aufzuwühlen. Ich fahre so lange im Brunnen umher, bis ich das Boot über den Beckenrand katapultiere und es auf dem Asphalt liegen bleibt. Dann laufe ich einfach auf die nächste Straße. Bleibe mittendrin stehen und verursache damit einen Verkehrsstau. Aber Vorsicht: Nicht alle Fahrer halten an – die aggressiveren Charaktere fahren einen auch schon mal rücksichtslos über den Haufen! Dann laufe ich die Reihe der angestauten Autos und fluchenden Fahrer ab und wähle mir ein Auto aus. Mit einem Druck auf die Dreieck-Taste reißt meine Spielfigur die Autotür auf und zerrt den Fahrer auf die Straße. Die Beifahrerin flieht panisch aus der Beifahrertür. Ich steige ein, gebe Vollgas und remple mich durch die Wagen vor mir. Dann bemerke ich, dass auf dem Rücksitz des gekaperten Autos noch eine Frau sitzt, die bei jeder neuen Beule im Auto und jedem meiner Handbremsen-Manöver hysterisch schreit. Ich kümmere mich nicht darum und wähle einen guten Radiosender aus. Die zahlreichen Radiostationen im Spiel werden unter anderem von Juliette Lewis, Iggy Pop, Femi Kuti und Karl Lagerfeld moderiert. Die Musik reicht dabei von den Sisters of Mercy über John Coltrane bis zu Agnostic Front, Shaggy und Les Savy Fav. Sogar die von mir sonst gemiedenen Musikrichtungen Reggae und HipHop machen im passenden Autotyp Laune. Mit dem Handy kann man jederzeit den aktuell im Radio gespielten Song erfragen, und ihn dann auch außerhalb von Liberty City (also in der echten Welt) als MP3 bei Amazon kaufen.

Wenn man also so mit dem Soundtrack seiner Wahl durch die Stadt fährt, die Kreis-Taste für die authentische Kinokamera mit den sich ändernden Blickwinkeln gedrückt hält, dann fühlt sich das schon nach ganz großem Kino an. Und da man das alles selbst auswählt und steuert, fühlt es sich sogar noch um einiges direkter und „echter“ an. Die Komplexität des Spiels ist so hoch, dass die Gesamtheit an Möglichkeiten mehr als die Summe der einzelnen programmierten Teile ergibt. So können sich individuelle Spielerfahrungen ergeben, die von den Game-Designern eigentlich gar nicht vorgesehen waren. Wenn man nicht der relativ linearen Storyline des Spiels folgt, entdeckt man eine fremde, runtergekommene und zugleich faszinierende Welt. Die Menschen denen man auf der Straße begegnet, lesen Zeitung, nehmen Handygespräche an oder essen einen Hotdog. Und sie sehen fast alle unterschiedlich aus. Sensationell ist das Sounddesign des Spiels: Wenn man auf den Holzbrettern der Strandpromenade läuft und einen Metallmülleimer anrempelt, dann hören sich Schritte, Mülltonne und die Menschen in der unmittelbaren Umgebung auch so an, wie sie sich auch in „echt“ anhören würden!

Die überraschende Faszination für das Spiel wurde sicher auch durch einen relativ abgedunkelten Raum, gute Lautsprecherboxen und einen 40“ Fernseher unterstützt. Den Hinweis aus dem Begleitheft pro Stunde mindestens 15 Minuten Spielpause zu machen, habe ich natürlich ignoriert. Laut Spielstatistik habe ich grade mal 4,49% des Spiels gelöst.

Das Spiel ist in Deutschland frei ab 18 Jahren. Theoretisch gut so, aber gerade so etwas war für mich als Teenager ein ganz besonderer Anreiz. Und sicherlich bekommt man das heute als 14-Jähriger so einfach wie Zigaretten oder Bier. Früher war ich bei den ganzen Gewalt-durch-Computerspiele-Diskussionen meist äußerst liberal. Nach diesem Spiel muss ich meine Position irgendwie neu überdenken: Der technologische Fortschritt der Simulation von Wirklichkeit ist enorm. Die nächsten 20 Jahre werden die Simulation wohl extrem nahe an die echte Erfahrung heranrücken. Faszination und Grauen. Als ich vorgestern um kurz nach Mitternacht die Playstation zurück in die Videothek brachte, fühlte ich mich schon fast so allmächtig wie die 4 Stunden zuvor im Spiel. Soll ich einfach auf die Strasse schlendern und einen Stau provozieren? Den Fahrer rausprügeln? Im schlimmsten Fall wache ich ja sowieso nur kurze Zeit später vor dem Krankenhaus auf und bin wieder wie neu…

10 Kommentare zu “Grand Theft Auto IV – Sim Amok

  1. >Früher war ich bei den ganzen Gewalt-durch-Computerspiele-Diskussionen meist äußerst liberal. Nach diesem Spiel muss ich meine Position irgendwie neu überdenken: Der technologische Fortschritt der Simulation von Wirklichkeit ist enorm. Die nächsten 20 Jahre werden die Simulation wohl extrem nahe an die echte Erfahrung heranrücken.

    Exakt meine Meinung. Spätestens ab der übernächsten Konsolengeneration reden wir nochmal über Killerspiele. Und ich weiß nicht, welche Meinung ich dann vertrete.

    OT: Die Fontgröße in eurem Kommentartextfeld ist abartig klein… mein ja nur (MacOSX, Firefox)

  2. allein, wenn man überlegt, wie krass real die spiele sein werden mit beser 3d engine und virtuellem raum..die meinung wird sich noch bei viele ändern!

    thema second life war auch nur ein vorgeschmack..

  3. ja wasn jezze los my dear maschinenfreakx?! da muss man doch die ganze sache gleich weiter denken und die ganze computerentwicklung so sehen: wo bitte schoen solls denn jezze ploetzlich aufhoeren?! wie und wer bitte schoen soll das bestimmen? sollnwer jezze zensur einfordern? das spiel ist ab 18 und kann nix dafuer wenn der umgang damit nicht gesesllschaftlich geregelt ist! (pornografie ist film mit echten menschen und tabak zuendet man real an und zieht in sich rein: sollnwir jezze all das komplett verbieten?) hallo: DER zug ist abgefahren! entweder maschine oder nicht maschine: gezuegelter ‚fortschritt‘ gibt es nicht: wir verbraten was geht und wir alle fahren verdammt schnell in diesem schiff: nennen wirs ‚titanic‘! und an die kapitale gesellschaft verknuepft mit ‚wissenschaft‘ und technik und was hier sonst alles so geht sollte man dann doch auch schon denken! also wasn z.b. mit sonem kinofilm: da haste doch dann auch schon dieses ‚allmachtsgefuehl‘ beim entsprechenden film: klar ich weiss schon da guckt man nur zu… aber haben wir das nicht auch schon einmal mit den buechern gehabt: dass diese moderne krimiliteratur die ganzen leudde verhunzt?! nee also echt: das ist kein spezielles problem mit den spielen das ist das riesen (welt)problem an sich: son spiel sone simulation schwebt ja nicht im luftleeren raum und ist das ausschlaggebende sie ist nur ein teilchen des ganzen und ganz und gar nicht bestimmend! hey maC: stell dir vor du bist jung und steigst heutzutage jung neu ein: dann is das so wie damals mit dem c64 spaeter die ersten playsations! vielleicht bist du eben nun schon etwas aelter und siehst das einfach anders… die gewalt nimmt nicht zu wegen den spielen: man wird kein moerder wegen einem spiel dazu gehoert schon viel viel mehr: und wie ‚realistisch‘ spielt nicht die rolle weil alle zeiten ihren ‚wow! ist das realistisch‘ spruch haben… der mensch selber ist viel viel viel mehr und der bestimmende faktor! naja zu warm sollte man vielleicht nicht geduscht sein: lass die maschinchen ausfallen dit wars dann einfach! wir haben uns abhaengig gemacht von ihnen und die aller meisten drehen sofort durch bei einer katastrophe… auf jeden falls scheint das spiel gut zu sein: bist ja ganz beschaeftigt damit! gude werbung haste dafuer gemacht! ;-) was ich ja persoenlich viel interessanter finde: man kann das 500 000send mal verkloppen und das ganz ohne ‚produktbefragungen‘ bei den kunden zu machen: die rockstartypen programmieren einfach das was sie selbst spielen wollen und haben erfolg damit weil sie ganz einfach gut sagen wir so ziemlich die besten auf ihrem gebiet sind! (ich verweise ungern auf spon -son scheissladen- aber da war ein interview mit dem oberfuzzi von rockstar: dat is janz lustick… (leider keinen linken link :))

    @mirko Z: wo verdammt bleibt er der virtuelle raum? wo bleibt die beeindruckende 3D brille? ich warte jezze schon zwanzig jahre drauf: nix is damit! (das selbe mit der ’spracheingabe‘) hunde wollt ihr ewig nur davon reden??? es gibt dinge die kann eben nur der mensch… ;-)

  4. hey lovely mr. z.u.c.k.e.r.m.a.n.n. !

    ick bin ein so alter sack: sorry! warscheinlich warte ich schon mehr als 20zig jahre: ha! und ich meinte damit nicht das ‚bischen‘ was es irgendwo fuer unbezahlbar gibt oder gab (und schon gleich garnich WII) sondern so wie die technik-cyber-jungx damals den mund vollgenommen haben: man wird dem anderen gegenuebersitzen wie im realen leben oder man kann ihn sogar anfassen (cyber-sex: hahaha!) man kann von paris nach san fran usw. etc. und muss dann aufpassen die realitaet vom daten-helm und daten-handschuh zu unterscheiden! naja ‚matrix‘ gibtz ja jezze wenigstens: im hollywood film! holodeck ick hoer dir nich mal trapsen: sorry!
    :-) alle gute und gruss zum schluss…

  5. … me too!
    Die PS3 hab ich ja noch, aber GTA musste ich mir ausleihen.
    Kann das hier unterschreiben und freue mich, dass jmd. das genauso sieht. Hab’s aber nicht aufgeschrieben, weil ich’s mir mit keinem verscherzen wollte. :)

    70€ für diesen Shizznit?
    Als ich noch Zielgruppe war (also=16), hätte ich dafür 3 Mon. sparen und kpl. auf Bier+Kippen verzichten müssen. Zum Glück gab’s damals nur Donkey Kong.

  6. liebs mc winkel: donkey kong! (ACHTUNG: ein fass!) wieviel mark-stuecke hast du damals rinjeschmissen in den automaten??? wenn du jezze noch (ACHTUNG: ein fass!) die inflationsrate mitrechnest war das damals im vergleich (ACHTUNG: ein fass!) auch nich viel billiger: man hatte ja eh weniger! nicht (ACHTUNG: ein fass!) nur an grafik und sound! nichtsdestotrotz: mir hats (ACHTUNG: ein fass!) auch gefallen das boese aeffchen da ganz oben (ACHTUNG: ein fass!) das war damals halt das non plus ultra… sicher fand irgendwer (ACHTUNG: ein fass!) das damals auch ungeheuer schlecht fuer die jugend und (ACHTUNG: ein fass!) guck doch was aus uns geworden ist :)

  7. apropos donkey kong: must see dokumentation THE KING OF KONG.
    http://www.billyvssteve.com/
    wie einer auszog nach zig jahren den world record aus den fruehen 80ern zu knacken. sehenswert fuer alle, die frueher ihre markstuecke wohlueberlegt in den automaten geworfen haben.

    mac, von mir gern gelesener artikel zu gta4

  8. Beim ersten Kommentar von m.a.c.k.e. mußte ich gerade an etwas denken: Als Freak von alten Computern (speziell C64) verfüge ich über eine relativ große Sammlung diesbezüglich. Dazu gehören auch alte Zeitschriften aus den 80’ern mit Tests von Computerspielen. Ich bin immer wieder erstaunt, wie oft man damals schon lesen konnte, daß die Grafik von dem und dem C64-Spiel wirke wie aus Fernsehen (also irgendwie ziemlich „echt“).

  9. für mich das wirklich krasse an der geschichte: ich habe dem gefährten nur mal kurz beim spielen zugesehen und schon dreimal davon geträumt. liberty city, verpiss dich aus meinem unterbewusstsein.

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